Zirkus: Von bürokratischen und sonstigen Hürden. Ein Interview (Teil 2)

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Foto: Circus Voyage.

CONTEMPLATOR: Ich habe Berichte gelesen, wonach größere Tiere bei Ihnen ausgebrochen sein sollen.

Sascha Grodotzki: Es wird immer gern behauptet „ausgebrochen“; ich sag mal so: Unser Chef ist ein totaler Tierfanatiker. Ihm ist immer wichtig, dass die Tiere so schnell wie möglich aus den Transportwagen kommen. An den Aufbautagen gab es mal einen Fall in Bremen. Es wurde unser Afrikastall aufgebaut, wo Giraffen, Flusspferd und Elefanten drin sind. Die Tochter des Chefs hat die Tiere schon mal ausgeladen und frei laufen lassen. Auf dem Gelände. Und in Bremen war es so, dass die Leute das Flusspferd gesehen haben, aber nicht die zierliche junge Dame daneben. Entsprechend wurde die Polizei alarmiert und am Ende wurde alles gut aufgeklärt, aber es führt auch ganz schnell zu Verwirrung.

Als ich angefangen habe, beim Zirkus Voyage zu arbeiten, hat es auch keine zwei Wochen gedauert; ich gehe in der Früh aus meinem Wohnwagen raus und da steht das Flusspferd vor mir. Da schaut man schon etwas blöd. Man kann es ja nicht einschätzen, wenn man das Tier noch nicht kennt. Also habe ich den Direktor angerufen: „Das Flusspferd steht hier.“ – „Ja, geh raus, streichel ihn. Daran musst du dich gewöhnen. Gib ihm Brot, dann freut er sich.“ Inzwischen hab ich kein Problem damit, aber am Anfang schaut man schon … Direkte Ausbrüche gab es nicht. Von anderen Unternehmen habe ich so etwas schon gehört. Es gab dieses Jahr den Fall bei Zirkus Krone, wo ein Seelöwe durch Coburg gewatschelt ist. Tiere sind neugierig wie kleine Kinder. Dann gibt es die Fälle, in denen Tierrechtler die Tiere befreien. Prinzipiell sind wir gehalten, gefährliche Tiere, wie Elefanten, so zu halten, dass kein Tier ausbrechen kann. Das kommt allerdings auch in zoologischen Gärten vor, wie dieses Jahr, wo Raubtiere ausgebrochen sind und der Zoo evakuiert wurde. Wo Menschen arbeiten, passieren auch Fehler. Aber wenn das als Begründung für ein Wildtierverbot genommen wird, dann frage ich mich, warum fahren in Deutschland noch Autos auf der Straße?

CONTEMPLATOR: Wie sind Sie eigentlich zum Zirkus gekommen?

Sascha Grodotzki: Ich bin jetzt schon seit zehn Jahren in der Zirkusbranche. Hab nach dem Abitur angefangen, ganz normal reinzuschnuppern, in meiner Heimatstadt, beim Zirkus Krone. Ich habe als Popcornverkäufer angefangen und war auch ein Jahr mit dem Zirkus unterwegs. Das hat mir sehr gut gefallen. Dann habe ich eine seriöse Ausbildung gemacht, zum Bürokaufmann, dann ein Fernstudium zum Betriebswirt; schon mit dem Ziel, wieder in die Zirkusbranche zu kommen. Als Ausbildung und Fernstudium beendet waren, habe ich mich bei mehreren Zirkusunternehmen beworben, hatte dann die Chance, beim Zirkus Charles Knie als Pressesprecher anzufangen. Das hat wunderbar funktioniert, ich war mehr als fünf Jahre da als Pressesprecher tätig. Die Aufgaben sind auch immer mehr geworden. Nach fünf Jahren wollte ich mal was Neues erleben. Mit einem Privatmann, der einen alten Namen wiederauferstehen lassen wollte, habe ich ein Projekt realisiert, den Zirkus Corty Althoff. Dort war ich für die Administration zuständig, sprich Städteplanung, Pressearbeit, die ganze Behördenarbeit. Das hat auch gut funktioniert. Leider musste der Direktor das Projekt aus privaten Gründen stoppen. Dann habe ich eine neue Aufgabe gesucht und bin zum Zirkus Voyage gegangen.

CONTEMPLATOR: Was sind Ihre Aufgaben?

Sascha Grodotzki: Im April habe ich hier als Pressesprecher und Marketingleiter angefangen. Im August wurde die Aufgabe dann auf die Tourneeleitung erweitert, sprich Städteplanung, Buchhaltung, Infrastruktur, sprich Strom- und Wasseranschlüsse, was alles dazugehört. Die richtigen Zirkusleute haben administrativ nicht immer so die Ahnung. So wie früher ohne Administration einen Zirkus zu leiten, ist heute unmöglich.

CONTEMPLATOR: Das beginnt ja schon beim Plakatieren, oder?

Sascha Grodotzki: Das Plakatieren ist so ein Thema, das uns die Luft wegnimmt, weil die Plakatierungen immer strenger geregelt werden. Es gibt bundesweit keine einheitliche Regelung. Es ist von Stadt zu Stadt unterschiedlich. Hier in Berlin ist es von Bezirk zu Bezirk unterschiedlich. Es gibt Städte, die genehmigen nur zehn oder zwanzig Plakate in der ganzen Stadt und verlangen dafür horrende Gebühren. Zwanzig Plakate, die sieht kein Mensch. Es gibt Städte, die verbieten sogar, dass man Plakate an private Gartenzäune hängt, nach Anfrage bei den Eigentümern, weil das angeblich das Stadtbild stört. Wenn politische Wahlen sind, dann stört interessanterweise kein einziges Plakat, aber dem Zirkus wird es hier schwergemacht. Wir waren dieses Jahr in München, dort ist die Plakatierung komplett verboten. Es werden keine öffentlichen Stellen angeboten, man darf nicht an privaten Gartenzäunen plakatieren, das einzige was man darf ist, Reklame zu buchen, bei Wall usw. Aber wenn man nur eine Woche an einem Spielort ist, lohnt sich das nicht. Und dann sind die Kosten sehr unterschiedlich. Es gibt Städte, wo wir fünfzig Plakate aufstellen dürfen und die verlangen dafür gar nichts und dann gibt es Städte die verlangen für fünfzig Plakate 1.000 bis 2.000 Euro.

CONTEMPLATOR: Welche Stadt war besonders teuer?

Sascha Grodotzki: Regensburg. Das war nicht nur die Plakatierung. In Bayern gibt es noch mehr Gesetze als woanders. Dort muss jede Veranstaltung vom Ordnungsamt angezeigt werden. Das Ordnungsamt erteilt dann Auflagen. Die Stadt Regensburg hat uns vor zwei Jahren einen Auflagenkatalog von zwanzig Punkten gegeben und dafür eine Gebühr um die 50 Euro verlangt. Dieses Jahr waren es dann mehr als vierzig Auflagepunkte und die Gebühr ist auf mehr als das Doppelte nach oben gegangen.

CONTEMPLATOR: Welche Auflagen waren dort aufgeführt?

Sascha Grodotzki: Wie viele Stühle in den Logen stehen dürfen, wo die Vorhänge aufgehängt werden usw.  Es ist wirklich interessant, wie die Behörden individuell von Stadt zu Stadt Vorschriften auslegen.

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Foto: Circus Voyage.

CONTEMPLATOR: Sind eigentlich nur die großen Zirkusse im Verband Deutscher Zirkusunternehmen vertreten?

Sascha Grodotzki: Also der größte Zirkus, der Zirkus Krone, hat sich nicht angeschlossen. Als Branchengrößter ist man vielleicht der Ansicht, das braucht man nicht. Die haben aber genauso zu kämpfen wie die anderen und von daher denke und hoffe ich, über kurz oder lang werden sie sich dem Verband anschließen. Ansonsten, man legt im Zirkusverband wirklich Wert darauf, dass seriöse Unternehmen dem Verband angeschlossen sind. Wir haben entsprechend hohe Auflagen gemacht. Der Zirkus hat ein schlechtes Image in Deutschland. Daran ist die Branche auch selbst mit Schuld. Man darf die Schuld nicht nur Tierrechtlern geben, sondern es gibt mehr als genug schwarze Schafe, die, wenn es mal schlecht gelaufen ist, z. B. mit den Tieren betteln gegangen sind. Die haben das versucht, sind damit erfolgreich gewesen und wollen inzwischen nur noch so reisen. Das sind dann genau die, die wir im Verband nicht haben wollen, weil die dem Kulturgut Zirkus schaden.

Dann auch noch die andere Variante, was wir auch schon gehört haben, jetzt aktuell auch wieder in Altenburg, da wird ein Standrohr abgeholt bei den Wasserwerken und vom Zirkus nicht zurückgegeben, einfach mitgenommen. Man kann sagen, die Wasserwerke sind selber schuld, warum haben sie keine Kaution verlangt, aber andererseits muss man sagen, das gehört sich einfach nicht. Auch dass Platzmieten nicht bezahlt werden, dass Zirkusunternehmen Adressen angeben, an denen niemand zu erreichen ist, das sind Sachen, die gehen einfach nicht. Von daher schauen wir im Verband genau, wen wir aufnehmen.

CONTEMPLATOR: Wie entwickelt sich die Branche im Allgemeinen?

Sascha Grodotzki: Die Zahl der großen Unternehmen nimmt ab, die kleinen Zirkusse werden immer mehr. In den Familienzirkussen werden die Kinder erwachsen und gründen ihre eigenen Unternehmen. Es gibt kaum eine Zirkusfamilie, die weniger als zwei Kinder hat. Es gibt Streitereien, die Kinder machen sich selbstständig. Das führt zu einer Flut an Kleinunternehmen.

CONTEMPLATOR: Nicht gerade sinnvoll, oder? Das ist ja wie bei dem Bauern, dessen Acker auf die Erben aufgeteilt wird bis irgendwann kaum noch etwas übrigbleibt.

Sascha Grodotzki: Ja, das ist definitiv ein großes Problem in der Branche. Aber vielen geht es gut, weil sie eben in Fußgängerzonen mit ihren Tieren betteln, was übrigens nach dem Tierschutzgesetz verboten ist. Wir vom Zirkusverband haben auch schon eine Stellungnahme herausgebracht, in der wir uns von solchen Praktiken distanzieren und jeden auffordern, in einem solchen Fall kein Geld zu geben. Lieber eine Futterspende, aber kein Geld. Eine Futterspende wollen die komischerweise eh nicht. Man muss noch dazu sagen, dass es nicht nur Zirkusleute gibt, die Spenden sammeln, sondern auch Trittbrettfahrer, extrem viele sogar.

Wir haben es oft im Zirkus Voyage oder auch beim Zirkus Charles Knie, dass Anrufe kommen oder das Publikum mich anspricht, warum wir „bei den Eintrittspreisen auch noch Spenden sammeln“ müssen. Ich frage: „Wieso Spenden sammeln?“ – „Ja, da war gestern eine große Frau mit fettigen schwarzen Haaren …“ Ich sage: „So eine Frau haben wir hier nicht.“ – „Sie sagte, sie ist von Ihrem Zirkus und sammelt Spenden für die Tiere.“ Man darf da nichts geben. Ein seriöser Zirkus sammelt keine Spenden. Er sammelt dahingehend Spenden, dass er den Zuschauern zwei Stunden Unterhaltung bietet und dafür Eintrittskarten verkauft.

CONTEMPLATOR: Haben Sie mal in Ihrem Verband erwogen, Zirkusse zu zertifizieren? Es ist ja in anderen Branchen durchaus üblich, Zertifikate auszustellen. Ein Zirkus könnte damit ja auch offensiv werben.

Sascha Grodotzki: Wir wollen das auf jeden Fall. Wir haben eine Satzung; insofern ist es ja bereits ein Zertifikat, dass man Mitglied bei uns ist. Wir haben die Stadtverwaltungen angeschrieben und sie über unsere Satzung informiert. Auf unserer Internetseite kann man auch einsehen, wer Mitglied ist. Wir haben auch schon Aufkleber für die Kasse anfertigen lassen, dass das Publikum sehen kann: aha, Mitglied im Zirkusverband. Zertifizierungen planen wir aber langfristig auch. Wir wollen mit Wildtierinstituten zusammenarbeiten, mit Amtsveterinären, dass hier auch Fakten geschaffen werden, wissenschaftliche Fakten.

CONTEMPLATOR: Kommt es vor, dass angesichts der steigenden Auflagen Zirkusse eher ins Ausland ausweichen?

Sascha Grodotzki: Sehr, sehr wenige. Früher war es gang und gäbe, dass auch große Zirkusse viel ins Ausland gegangen sind. Macht man heute nicht mehr. Man redet vom vereinten Europa, aber schon bei uns im Land, von Bundesland zu Bundesland, von Stadt zu Stadt sind die Gesetze unterschiedlich. Wenn man innerhalb von Europa andere Länder bereist, wird es schon schwierig. Und vor allem darf man in viele an Deutschland grenzende Länder nicht mit Tieren einreisen. Z. B. Österreich oder auch Holland. Da gab es auf der einen Seite nicht die entsprechend strengen Tierschutzgesetze, auf der anderen Seite gab es die Situation wie in Deutschland, wo einfach die Gegenlobby gefehlt hat. Durch unseren Verband wollen wir verhindern, dass es für uns auch so endet.

CONTEMPLATOR: Gehen Sie davon aus, dass es in zwanzig Jahren noch den klassischen Zirkus in Deutschland gibt?

Sascha Grodotzki: Wir hoffen es. Wir werden dafür kämpfen. Man muss dazu sagen, dass es z. B. durch das Artenschutzabkommen prinzipiell schwer wird, Nachkommen für die Elefanten zu bekommen. Obwohl in Afrika wegen dem Elfenbein die Population der wildlebenden Elefanten sinkt, in letzter Zeit um dreißig Prozent glaube ich, dürfen keine Elefanten nach Europa gebracht werden. Zoologische Gärten würden uns gern Jungtiere geben, dürfen es aber nicht. Theoretisch könnten wir eine Zucht betreiben, aber wenn ein Großtier trächtig ist, muss es ins Winterquartier. Das ist fast unmöglich. Ein Elefant braucht seine feste Bezugsperson, sonst wird er zu einer tickenden Zeitbombe. Man könnte einen Elefantenbullen im Zirkus halten, aber dann braucht man ein Extragehege.

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Foto: Circus Voyage.

Eine Möglichkeit gibt es aber. In Afrika gibt es Farmen, auf denen Elefanten gezüchtet werden. Wenn diese in dritter Generation unter Menschen aufgewachsen sind, kann man sie nach Europa bringen, trotz des Washingtoner Artenschutzabkommens. Ich meine, wo kann man denn noch Tieren begegnen? Im Zoo führen sie inzwischen ihr eigenes Leben und sind manchmal gar nicht zu sehen. Tierdokumentationen ersetzen nicht die Begegnung. Und angesichts der sozialen Schere in Deutschland ist es eine Illusion zu sagen, dass man ja nach Afrika fliegen könnte.

CONTEMPLATOR: Herr Grodotzki, vielen Dank für dieses Gespräch.